Grüne müssen bald Farbe bekennen

Mit großem Interesse verfolge ich das Erstarken der Grünen. Angst habe ich keine, denn sie müssen jetzt auch bald Farbe bekennen. Bisher habe sie sich die Lieblingsressorts herausgesucht, klassische grüne Themen besetzt und die Konfrontation in schwierigen Fragen eher gemieden. Ein Bild aus Zeiten der großen Koalition kommt wieder auf: Die SPD schwitzt im Maschinenraum und der Koalitionspartner liegt entspannt auf dem Sonnendeck. Diese Zeiten sind nun (fast) vorbei. Auch die Grünen besetzen immer mehr Posten, was wegen ihrer Stärke auch natürlich ist, allerdings wächst damit auch die Verantwortung. In großen Städten sind die Grünen schon jetzt oft die zweitstärkste Fraktion und, dass die möglicherweise sogar die stärkste sind, ist keine Ausnahme mehr. Beispiele sind u.a. Stuttgart, Köln (auch wenn hier die Ergebnisse noch stark differenzieren) oder Friedrichshain-Kreuzberg. Letzterer ist zwar faktisch keine Stadt, sondern ein Stadtbezirk, allerdings besteht Berlin faktisch aus mehreren Städten. Friedrichshain-Kreuzberg ist besonders deshalb interessant, weil der Stadtbezirk sehr jung ist, sehr migrantisch, aber von allem auch, weil hier zum ersten Mal ein Grüner ein Bundestagsmandat holte.Schon damals hätte deutlich werden müssen, dass die Grünen auf dem Vormarsch sind, aber der „Fall“ aus der Regierung ihr zwischenzeitliches Tief haben die politischen Mitbewerber dazu verleitet ruhig zu bleiben. Noch am Tage der Bundesversammlung, NRW hatte schon gewählt und den Grünen ihr bestes Ergebnis dort beschert, doch noch witzelte Norbert Lammert mit Sylvia Löhrmann. Damals waren die Grünen nur viertstärkste Fraktion, knapp vor der Linken, heute sähe die Sache sicher ganz anders aus. Was ist das für eine grüne Partei, die durchgängig zweistellige Ergebnisse erzielt, in fast allen Parlamenten sitzt und in Berlin sogar stärkste Kraft werden könnte. Sicher wird die Grünen das auszeichnen, was sie auch in der Vergangenheit charakterisiert hat: Der Wille zu politischen Veränderungen und ein gesunder Pragmatismus, aber auch politischer Streit, der bei zunehmender Macht sicher auch zunehmen wird. Wenn ich sage: Die Grünen sind eine Partei, liegt die Betonung eher auf Partei. Denn sie ist der Überbau über etwas, das viele Strömungen zusammenhält: Reformer und Fundis werden noch nicht ihren letzten Kampf geführt haben. Die Polarisierung ist, aus meiner Sicht, größer als bei anderen Parteien und wird sicher noch zunehmen. Man darf gespannt sein.

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